Auch in der letzten Nacht wurde ich nicht von Blutsaugern belästigt. Weder von Moskitos, noch von den Nachfahren des Grafen Dracula, der angeblich auf der Burg, die auf einem Berg über meinem Hotel thront, wohnte. AA-20130807-2002

Nach einem kleinen Frühstück bedanke ich mich bei den verlausten Strassenkötern, die immer noch neben meinem Moped Wache halten und fahre los. AA-20130807-1998

Wohin genau es geht, das weiss ich noch nicht. Auf meiner Karte ist eine Querverbindung zur Hauptstrasse 7C über einen kleinen Pass eingezeichnet. Aber weder mein Navi, noch der auf Google Maps basierende Motoplaner wollen diese Route anzeigen. Auch der Patron des Hotels hat nur die Stirn in Falten gelegt und mit dem Kopf geschüttelt, als ich ihm die Karte gezeigt habe. Die Strecke muss also interessant sein, und ich werde unterwegs spontan entscheiden, ob ich die Abkürzung wage. Zunächst muss ich aber noch eine Tankstelle finden und mich durch den Verkehr einer kleineren Stadt drängeln. DCIM100GOPRO

Die Abzweigung zu meiner Abkürzung finde ich dann nur, weil ich ein kleines Dorf auf der Strecke als Zwischenziel programmiert habe. Dort angekommen, will mich das Navi aber wieder dahin zurücklotsen, wo ich hergekommen bin. Auf der Suche nach der weiteren Route sehe ich dann ein Schild, das die Richtung nach Calimanesti weist. Wenn da ein Schild steht, wird es auch einen Weg geben, denke ich mir und fahre in die beschilderte Richtung auf einer zunächst noch akzeptablen Asphaltstrasse, die aber bald in eine ordentliche Schotterpiste übergeht. DCIM100GOPRO

Fahrer und Motorrad freuen sich gleichermassen über die Abwechslung, allerdings wird die Strecke zunehmend anspruchsvoller. Als das Navi irgendwann nur noch einen Pfeil auf komplett weissem Hintergrund anzeigt, verstehe ich auch, wieso es sich geweigert hat, diese Route zu berechnen. Die Strasse fehlt auf der Karte. DCIM100GOPRO

Für ca. 5km wird die Piste nun sehr unbequem und ist nur noch mit Allradfahrzeugen oder Motorrädern zu bewältigen. Ich muss im Stehen sehr steil bergauf fahren und dabei stört mich wieder der Tankrucksack. So toll ich den Enduristan Sandstorm auch finde, beim Offroadfahren behindert er mich so sehr, dass ich mir spätestens für Albanien etwas überlegen muss.

Auch kann ich bei den wirklich schwierigen Passagen keine Fotos machen, weil ich die Hand nicht vom Lenker nehmen kann, um den Auslöser zu drücken. Später fällt mir dann ein, dass ich ja stattdessen Filmen könnte, oder die GoPro so einstellen kann, dass sie automatisch alle X Sekunden ein Bild macht. Daran muss ich beim nächsten Mal unbedingt denken. DCIM100GOPRO

Irgendwann zeigt das Navi dann auch wieder eine Strasse an und kurz darauf hab ich auch wieder Asphalt unter den Reifen. Es geht weiter in Richtung Transalpina, aber bitte zügig, denn bei 33°C brauche ich ein bisschen Abkühlung.

Für ein paar Kilometer folge ich der DN7 durch eine Schluchtenlandschaft, die komplett aus aufeinander folgenden Stauseen besteht. Die Brücken machen keinen besonders guten Eindruck, doch was einen 40-Tonner aushält, das wird auch mich mit meinem Moped tragen. DCIM100GOPRO

Auch das Tal, durch das mich die DN7A nach Westen zur Transalpina führt, ist geprägt von Stauseen, aber hier gibt es zwischendrin immer wieder ein paar natürliche Abschnitte. Die Strasse schraubt sich gemächlich immer höher und immer wieder begegnen mir freilaufende Hühner, Gänse, Rinder und Pferde, die meistens lethargisch irgendwo im Schatten am Strassenrand stehen. DCIM100GOPRO

Glücklicherweise steht nie eins der Viehcher mitten auf der Strasse. Trotzdem ist Wachsamkeit oberstes Gebot, und es verbietet sich schneller zu fahren, als man vorausschauen kann. Besonders in Kurven liegt oft Schotter oder Sand auf der Strasse, oder es gibt Löcher und Bodenwellen die in Schräglage zu ausgesprochen unangenehmen Situationen führen könnten. Trotzdem mach die Strecke Spass. Serpentinen wechseln sich mit längeren Passagen mit kleineren Kurven ab und der Belag ist gröstenteils akzeptabel bis gut. Meine Laune könnte besser nicht sein, und ich muss an die kilometerlangen Geraden denken, die mich im Norden so sehr gelangweilt haben. Eigentlich dachte ich ja, Rumänien sei nur ein Offroad-Paradies, aber abgesehen von den Alpen gibt es hier die besten Motorradstrecken, die ich bisher gefahren bin.

Mit zunehmender Höhe wächst auch die Anzahl der Verkaufsstände am Strassenrand. Hier werden Honig, Blaubeeren und Pilze und diverse Marmeladen und Sirups angeboten, doch ich sehe nie jemanden, der anhält und etwas kauft. Aber die sitzen doch sicher nicht zum Spass hier? AA-20130807-2026

Auf einer kleinen Passhöhe halte ich an, gönne mir ein kühles Getränk und was zu Essen. Sieht aus wie Cevapcici, aber natürlich ist es etwas gaaaaanz anderes. Eine rumänische Spezialität, die von der EU wegen eines bedenklichen Zusatzstoffes verboten werden soll. Na ja, sieht aus wie Cevapcici, schmeckt wie Cevapcici … Ich bedanke mich für die köstliche seltene und nur hier angebotene Delikatesse und beobachte das Treiben um mich herum. AA-20130807-2025

Der Platz ist ein Umschlagspunkt für Produkte aller Art, die man im Wald sammeln kann. Die Sammler hausen in ihren kaum noch fahrtüchtigen Autos oder in provisorischen Zelten und liefern ihre Waren bei Händlern ab, die mit verbeulten Lieferwagen unterwegs sind. Ich sehe zu wie stattliche Steinpilze, Pfifferlinge und eimerweise Blaubeeren umgeschlagen werden.

Dann taucht ein alter Mitsubishi Pajero auf, aus dem mindestens neun erwachsene Männer steigen. Wie die da hineingekommen sind bleibt mir ein Rätsel, aber ich sehe sie aussteigen und spreche verwundert meine Tischnachbarn darauf an. Die winken nur ab und sagen, dass in Rumänien eben alles möglich ist. Der Pajero hat das Steuer rechts und ein britisches Nummernschild, aber ich wage zu bezweifeln, dass der noch in England zugelassen ist, denn jeden Tag begegnen mir mindestens zehn Fahrzeuge mit deutschen Exportkennzeichen, die schon monatelang abgelaufen sind. An die versicherungstechnischen Folgen eines Unfalls mit einem solchen Wagen will ich lieber nicht denken. AA-20130807-2040

Kurz nach dem ich losfahre treffe ich den Pajero wieder, der nur unwesentlich schneller als mit Schrittgeschwindigkeit bergab fährt. Immerhin scheint der Fahrer zu wissen, dass seine Bremsen nicht funktionieren.

Irgendwann komme ich dann endlich auf die DN67C Transalpina und biege nach Norden ab. Schon die Kreuzung macht mich stutzig, weil es zunächst einen halben Kilometer über eine teilweise üble Schotterpiste geht. Hatte ich doch vor meiner Abreise in mehreren Foren gelesen, dass die Transalpina seit 2012 einen perfekten Aspahltbelag haben soll. Aber egal, der grösste Teil der Strecke ist tatsächlich in sehr gutem Zustand und die Serpentinen sind sehr übersichtlich und können deshalb auch in angemessener Schräglage gefahren werden. DCIM100GOPRO

Ab und zu gibt es jedeoch Stellen, an denen die Strasse über die komplette Breite auf zwei Metern Länge aus Schotter besteht. Besonders oft liegen diese Passagen in Kurven versteckt. Dann wieder ist die Talseite auf mehreren hundert Metern gesperrt, weil sie entweder abgebrochen ist, oder abzubrechen droht. Und immer wieder fehlt der Asphaltbelag komplett. Da war die DN7C, die ich gestern gefahren bin, angenehmer und mit weniger Überraschungen gespickt. DCIM100GOPRO

Doch ich will mich nicht beschweren. Die Überraschungen sind bei angepasster Fahrweise vorhersehbar und die Unvollkommenheit der rumänischen Strassen macht mir im Grunde ja sehr viel Spass.

Bei Sugag verlasse ich die Transalpina in Richtung Osten. Einem Geheimtip von Felix folgend nehme ich die Strasse nach Jina, die mein Navi wieder einmal nicht kennt. Diesmal geht es aber nicht über eine Schotterpiste, sondern über eine nagelneue Asphaltbahn, die perfekter nicht sein könnte. AA-20130807-2068

Über enorm steilen Serpentinen geht es zu einer Hochebene, auf der ich mit der Nachmittagssonne im Rücken durch kleine Dörfer durch eine sanfte Hügellandschaft fahre, bevor ich dann endgültig in der Ebene ankomme und die letzten Kilometer nach Sibiu auf der Schnellstrasse fahre. DCIM100GOPRO

Eine Unterkunft habe ich noch nicht, und da ich von phantastischen Touren der letzten drei Tagen ziemlich erschöpft bin, beschliesse ich kurzfristig, mir für zwei Nächte ein Zimmer in einem modernen Hotelneubau nahe der historischen Altstadt zu nehmen. Das kostet zwar mit 49 EUR pro Nacht doppelt so viel wie in einem normalen kleinen Hotel, aber ich möchte mal wieder ein bisschen Luxus geniessen und zu Fuss in die Altstadt gehen können.

* Bitte nicht über Weissabgleich oder schiefen Horizont beschweren. Ich bin müde und hol das irgendwann nach.

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