Auch in meiner Notunterkunft habe ich – wie immer – sehr gut geschlafen und ich bin bereit für die letzte Etappe. Ich freue mich auf mein zu hause und d ich freue mich auf die Fahrt dorthin. Die Klassiker von Südtirol und Graubünden werden mein Feuerwerk zum Finale Grande sein. Doch zunächst geht es auf nach San Pellegrino. Ich kannte den Namen bisher nur als Mineralwasser, dass es einen gleichnamigen Pass gibt, ist eine Überraschung. DCIM100GOPRO

Eine viel grössere Überraschung trifft mich dann am westlichen Ende des Passes in Moena. Ein Verkehrsinfarkt vom Feinsten! Zunächst schlängele ich mich noch durch, aber wegen meiner breiten Beladung geht das nicht immer so einfach. Schliesslich stecke ich in einem Tunnel fest. DCIM100GOPRO

Das Durchschlängeln im Tunnel ist mir zu gefährlich, doch mit der Zeit wird die Luft ziemlich schlecht und ich muss raus. Da rechts genug Platz ist, beschliesse ich rechts an den stehenden Autos vorbeizufahren. Insgesamt brauche ich 35 Minuten für 6,5 km bis ich endlich die Schlange, die sich in Richtung Cortina bewegt, verlassen kann und über den Costalunga Pass nach Bozen fahre, denn diesmal habe ich das richtige Bolzano programmiert.

Die Auffahrt geht ohne besondere Reize durch den Wald, dafür endet die Abfahrt in einer faszinierenden engen roten Schlucht, bevor ich Bozen erreiche. DCIM100GOPRO

In Bozen trifft mich dann wieder eine Eigenheit des Navis. Im Motorrad Modus gilt es Autobahnen und Schnellstrassen zu vermeiden, deshalb lotst mich das Gerät durch den Mittagsverkehr der Stadt und über Nebenstrassen in Richtung Meran, doch bei der erstbesten Gelegenheit wechsle ich auf die Autobahn und reisse die Strecke bis Meran in wenigen Minuten ab. DCIM100GOPRO

Kurz nach Meran lese ich dann zum ersten mal das Zauberwort Stelvio auf einem Schild. Der höchste Pass Italiens, der zweithöchste asphaltierte Pass der Alpen und der höchste und anstrengendste Pass auf meiner Tour. In Prad stärke ich mich nochmal mit einem Vinschgauer Bauerntoast und dann geht es über 48 legendäre, enge und steile Kehren hinauf zur Mutter aller Pässe. DCIM100GOPRO

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Für eine – angeblich obligatorische – Passhöhenbratwurst ist es mir zu voll, also fahre ich gemütlich weiter, erhole mich von der anstrengenden Auffahrt, und geniesse die Aussicht. DCIM100GOPRO

Wegen der vielen Flachlandtiroler, die sich mit ihren grossen und teuren Autos nicht trauen, weit genug rechts zu fahren, kommt es immer wieder zu Verstopfungen in den kleinen Tunnels. Dabei wundert es mich, wie sehr diese kleinen Staus die Aggressionen bei den häuptsachlich italienischen Motorradfahrern schüren. Auf den etwa 16.000 km die jetzt hinter mir liegen habe ich bei weitem nicht so viele aggressiv, rücksichts- und hirnlos fahrende Motorradfahrer gesehen, wie heute an einem einzigen Tag. Das gibt mir sehr zu denken und verleidet mir den Spass am Motorradfahren.

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Doch es gibt nichts, was nicht noch schlimmer werden könnte. Von Bormio bis Livigno fahre ich in einer ewig langen Kolonne mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45km/h. Das führt zu abenteuerlichen und absolut rücksichtslosem Fahrverhalten, und zwar nicht nur bei Motorrädern. Tempolimits in Ortschaften werden masslos überschritten, der Gegenverkehr wird zum Anhalten genötigt und es gibt blinde Überholmannöver in engen Kurven.

Ich versuche es gelassen zu nehmen und freue mich, als ich bei der Einfahrt nach Livigno sehen kann, dass die hirnlosen Fahrer auf den gut 20km zwar bis zu zehn Autos überholen konnten, aber im Grunde maximal eine Minute Zeit gewonnen haben, die sie jetzt in der Schlange an einer der ersten zollfreien Tankstellen verbringen können. Bravo. DCIM100GOPRO

Ich tanke ohne Warteschlange am Ortsausgang in Richtung Forcola di Livigno von wo mir ein eisiger Wind entgegen weht, und ich bereue, dass ich gerade eben erst die Sommerhandschuhe angezogen habe. Also reise ich mit eingeschalteter Griffheizung abermals in einer Kolonne in die Schweiz ein und habe Glück, denn kurz nach der Grenze biegen fast alle nach links in Richtung Tirano ab, und ich kann ohne Überholmannöver die Auffahrt auf der excellenten Strasse zum Bernina Pass geniessen. DCIM100GOPRO

Der Anblick des imposanten Gletschers lässt mich kalt, denn es ist spät und ich hab noch gut zwei Stunden bis nach Vaduz. Nach zwei Baustellen und der Rush-Hour in St. Moritz kann ich in Silvaplana endlich auf den Julierpass abbiegen und fühle mich schon ein bisschen wie zu hause, weil ich hier in diesem Jahr schon zwei mal gewesen bin, und selbst der abgefräste Belag in den ersten Kehren der Abfahrt kann meine Freude nicht trüben.

Im Nu erreiche ich Tiefencastel, von wo aus es auf den letzten Pass meiner Tour geht. Mit einer Fahrt über die Lenzerheide hatte ich vor knapp zwei Jahren meine Karriere als Motorradfahrer neu begonnen, nachdem ich über 20 jahre lang abstinent war. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal zu einer soo langen Tour aufbrechen würde, und deshalb freut es mich besonders, dass der Beginn meiner neuen Zeit als Motorradfahrer, den Abschluss des grössten, längsten und schönsten Abenteuer meines Lebens markiert. DCIM100GOPRO

Um 18:43 erreiche ich Chur und freue mich darauf, nach einem sehr harten Tag mit vielen hundert Kurven und nach fast drei Monaten on the Road die letzten Kilometer auf der Autobahn geniessen zu können. Ich bin zu hause. DCIM100GOPRO

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