Wo soll ich das Mittsommernachts-Wochenende verbringen? Alle Norweger, denen ich diese Frage gestellt habe, waren sich einig. In Schweden. Denn die Schweden können besser feiern als die Norweger, war die einstimmige Erklärung. So verabschiede ich mich heute von den Lofoten und breche auf in Richtung Schweden. DCIM100GOPRO
Bei einem der ersten Fotostops des Tages schwärmt mir eine ältere Dame in Französisch vor, wie magnifique es hier sei. Um ihr altes Herz zu schonen, warne ich sie schon mal vor und versuche ihr mit meinen sehr begrenzten französischen Sprachkenntnissen klar zu machen, dass das alles hier nur ein Abklatsch von dem ist, was da noch kommen wird. AA-20130621-2201
Die Landschaft bleibt schön, mit dem Postkartenkitsch des Westens können die östlichen Lofoten aber nicht mithalten. Mir macht es Spass, frei zu sein, zu fahren und diese wunderbare Landschaft zu geniessen. Ich spüre den Wind und die Sonne und freue mich auf Schweden. Beim nächsten Halt muss ich unbedigt ABBA einschalten, um mich gebührend auf das, was mich erwartet einzustimmen. DCIM100GOPRO
Am Ostufer der Insel Hinoya erreiche ich den nördlichsten Punkt meiner Reise und verlasse die Lofoten, bevor ich über eine beeindruckende Brücke wieder das Festland erreiche. AA-20130621-2209

Von nun an geht’s bergab. Nein, es geht bergauf. Hinauf aufs Fjell zur schwedischen Grenze. Auf dem Weg dorthin fahre ich an unzähligen Sommerhäusern vorbei, die idyllisch auf von Gletschern der letzten Eiszeit glattgeschliffenen Felsen oder zwischen Moorseen liegen. AA-20130621-2223
In Schweden wird dann alles anders. Direkt nach der Grenze kommt ein verwaistes Skigebiet. Eigentlich wollte ich irgendwo was essen, aber es gibt nicht mal nen Hamburger. Also decke ich mich mit Brot, Salami und billigem schwedischen Bier ein. Wer weiss, wo ich heute noch lande. Schweden feiert Midsomer und ich möchte mitfeiern. Doch vorher muss ich noch ein paar Kilometer fressen, denn nach Kiruna sind es noch 130 km. AA-20130621-2240
Bevor ich in Kiruna ankomme, treffe ich ein paar Schweden, die mit ihren Wohnwagen auf einem Parkplatz stehen und hier feiern wollen. Sie laden mich ein dazubleiben. Eine freie kleine Hütte zum Übernachten gäbe es auch, aber der Platz ist mir zu kalt und windig. Aussicht gibt es nur auf borealen Nadelwald und die Hauptstrasse. Kein Platz zum Feiern.

Als ich mich Kiruna nähere, weiss ich, dass ich auch hier nicht bleiben will. Eine riesige Abraumhalde und ein Förderturm (auf dem Foto leider wegen Dreck auf der Linse nicht gut zu erkennen) dominieren die Stadt, die vom Bergbau lebt. Schön ist Kiruna nicht, aber sauber. Nebenbei bemerke ich, dass alles geschlossen ist. Selbst an der 24/7 Tankstelle steht auf einem Schild, dass sie heute um 8 schliessen werden. Ich ahne Schlimmes. DCIM100GOPRO
In einem Gespräch mit Locals wird mir klar, dass Midsomer kein öffentliches, sondern ein Familienfest, so wie Weihnachten bei uns. Die Bürgersteige sind hochgeklappt und als Fremder bin ich deplatziert. Also fahre ich weiter. Ein Hinweisschild zum Ice-Hotel macht mich neugierig. Klar, dass die kein Eis mehr haben, aber wenn ich schon mal da bin, will ich mir das auch anschauen. Doch ausser zwei Eisblöcken am Strand eines Sees gibt es nichts zu sehen. AA-20130621-2245

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Also irre ich weiter umher auf der Suche nach einem Grillplatz, an dem ich meine Wurst braten kann. Doch die Suche bleibt erfolglos, und ich beschliesse weiterzufahren und hoffe auf ein Wunder oder wenigstens eine Überraschung. Als ich neben einer Brücke ein Zelt sehe, halte ich an, und frage einen Radfahrer, ob ich mich ein bisschen zu ihm setzen und meine Wurst braten kann. So ergibt sich eine Unterhaltung mit einem älteren Briten, der mit dem Fahrrad von Portugal ans Nordkap unterwegs ist. Nebenher sammelt er noch Spenden für ein Kinderhilfsprojekt in Lesotho. Respekt. AA-20130621-4708

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Eigentlich könnte ich hier auch mein Zelt aufbauen und endlich mal einweihen, aber ich möchte morgen früh nicht im Regen Abbauen und fahre deshalb weiter in Richtung Gällavere. Gerade eben hab ich mit dem Engländer noch über die Gefahr von Rentieren und Elchen geredet, da stehen schon zwei Rentiere auf der Strasse. sie sind von weit weg schon zu erkennen, und so halte ich an und versuche sie zu fotografieren. Dann schalte ich die GoPro auf Video um und fahre filmend näher. Wegen des enormen Weitwinkels ist aber auf dem Film kaum etwas zu erkennen und auch die Fotos sind nicht besonder gut geworden. AA-20130621-2257

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Obwohl die Begegnung nicht gefährlich war, werde ich vorsichtiger und scanne permanent den Waldrand nach Grosswild ab. Das ist auf die Dauer sehr ermüdend und deshalb bin ich froh, als ich in Gällivare ankomme. Dank Booking.com hab ich ein einigermassen bezahlbares Hotel gefunden und kann nach über elf Stunden im Sattel endlich relaxen. Midsomer hatte ich mir anders vorgestellt.