Als ich mein Motorrad auf dem öffentlich zugänglichen Hotelparkplatz belade, fällt mir auf, dass der Hauptständer tief im Asphalt versunken ist. AA-20130731-1422

Aber was soll’s, die Maschine steht noch bombenfest und es ist nichts passiert. Auch mein Packsack mit Zelt, Schlafsack und Isomatte, der lediglich mit einem Zahlenschloss gesichert ist, wurde nicht geklaut. Selbst das nicht eingerastete Schloss an der schweren Kette hat niemanden dazu verleiten können, wenigstens die Kette zu stehlen. AA-20130730-8236

Wieder einmal zeigt sich, dass Polen viel besser ist als sein Ruf, und ich kann dieses Land jedem als lohnendes Reiseziel empfehlen. Doch so schön und sicher es auch sein mag, für mich geht die Reise heute weiter. Ich werde heute die EU verlassen und fahre mit gemischten Gefühlen in die Ukraine. Immerhin weiss ich, dass meine Gastgeber eine grosse Wohnung zentral in Lviv haben, und dass es in der Nähe einen bewachten Parkplatz gibt.

Mein Navi berechnet eine Route über die schöne neue Autobahn A4 und es macht mir sehr viel Freude auf der wenig befahrenen Strecke Kilometer zu fressen. Bei 130 km/h scheint sich dann auf einmal mein Cockpit aufzulösen. Bei genauerem Hinsehen checke ich dann, dass sich eine Schraube von der Scheibenhalterung gelöst hat und auf meiner USB Buchse liegen geblieben ist. Auf der letzten Etappe hatte ich die Position der Scheibe verändert, um bei der Bullenhitze mehr Fahrtwind abzubekommen. Offensichtlich hab ich nicht alle Schrauben fest genug zugedreht. Ich greife mir also die Schraube, kann sie aber während der Fahrt nirgendwo unterbringen, also muss ich anhalten. Bei der Gelegenheit kontrolliere ich nochmals den Sitz der verbliebenen drei Schrauben. Alles ok, Aber ich muss jetzt irgendwo eine neue Rändel- oder Flügelmutter besorgen 🙁 DCIM100GOPRO

Bei Tarnow ist die Autobahn dann auf einmal gesperrt und es geht weiter über die Hauptstrasse, doch mein Navi versucht immer wieder, mich zur Autobahn zu lenken. Einmal gebe der Versuchung nach, komme aber nur zu einer gesperrten Autobahnauffahrt. Ich muss also weiter auf der stark befahrenen Landstrasse fahren. 90-60-90. Nein, das sind nicht die Masse einer Verkehrspolizistin, sondern die Tempolimits. Manchmal geht es runter auf 40 und oft fehlen die Schilder, die das Limit aufheben. Dazu stehen noch überall Blitzkästen, die mich immer wieder zum starken Bremsen nötigen. Diese Fahrerei ist wirklich sehr ermüdend, zumal permanent LKWs mit gefühlten 2cm Abstand hinter mir fahren.

Vor der Abzweigung, an der ich mich zwischen zwei möglichen Grenzübergängen entscheiden muss, zeigt die Infotafel an, dass es bei beiden 0 Stunden Wartezeit gibt. Ob das stimmt, oder ob die Anzeige kaputt ist, weiss ich nicht. Da aber bei beiden Übergängen 0 steht, entscheide ich mich für den mit der kürzeren Strecke. Dort lässt auch der Verkehr in Richtung Grenze nach und ich fahre die letzten 20km in Polen wieder etwas entspannter.

Als ich mich dann an der Grenze mit anderen Autos zusammen einordne, kommen alle möglichen Leute auf mich zugerannt, und weisen mich darauf hin, dass es eine Spur für EU Bürger gibt, an der man nicht Schlange stehen muss. Super. Ich fahre weiter und nur ein Auto ist bei der polnischen Ausreisekontrolle vor mir. Ich weiss nicht, was die gut aussehende, grimmig dreinschauende Dame in Uniform ausser meinem Pass noch von mir will, also halte ich ihr noch die Fahrzeugpapiere und die grüne Versicherungskarte hin. Sie schaut sich darauf hin die Zulassung an und legt die Stirn in Falten. Dumm, denke ich, dass ich meine FL Aufenthalts ID nicht dabei habe, denn ich habe kein Dokument, mit dem ich nachweisen kann, wo ich wohne. Die Grenzwächterin verschwindet jetzt erst mal für zehn Minuten mit meinem Pass und dem Fahrzeugschein in einem Häuschen und telefoniert. Obwohl die Sache für mich eigentlich unangenehm ist, freue ich mich über den betriebenen Aufwand, weil es scheinbar nicht sooo einfach ist, ein Fahrzeug aus der EU zu bringen, wenn die Papiere von Fahrer und Fahrzeug nicht richtig zusammen passen.

Bei mir ist aber alles klar, und so bekomme ich meine Papiere zurück und kann mich endlich für die Einreise in die Ukraine anstellen. Dabei mache ich die Bekanntschaft mit zwei Ukrainern, die mit Dnjepr Motorrädern mit Beiwagen unterwegs sind. Einer fragt mich mit Gesten, ob ich nicht mein Moped mit ihm tauschen will, aber ich lehne freundlich lächelnd ab. Trotzdem besteht er darauf, dass ich einmal zur Probe sitzen soll. AA-20130731-1445

So bequem es auch sein mag und so gut die alte Gurke auch zu mir passt, glaube ich doch, dass meine BMW zumindest vom Fahrkomfort her besser auf die ukrainischen Strassenverhältnisse angepasst werden kann.

Kurz darauf kommt ein Amerikaner mit einem Chopper. Er ist vor 20 Jahren aus der Ukraine ausgewandert und spricht Ukrainisch, Russisch und Englisch. Ich habe also endliche einen Übersetzer. Er klärt ab, ob es Probleme macht, wenn wir uns mit dem Mopeds zwischen den Autoschlangen hindurchdrängeln, und zack, schon stehen wir vorne. Als ich meinen Pass mit den darin liegenden Fahrzeugpapieren und der grünen Versicherungskarte einem Zöllner in die Hand drücke, reagiert er sehr ungehalten und gibt mir alles zurück. Ich gebe ihm also zuerst den Pass, dann die Zulassung und dann die grüne Karte, die er mir gleich wieder zurück gibt. Dann verschwindet er in seinem Häuschen. Zehn Minuten später drückt er mir alles wieder in die Hand und sagt “Passport Control”. Während ich mich noch frage, wieso ich zur Passkontrolle muss, wenn er doch gerade meinen Pass kontrolliert hat, schiebt mich die Menge weiter zu einem anderen Häuschen. dort gebe ich nur meinen Pass ab und der Beamte dahinter tippt gemütlich mit den beiden kleinen Fingern irgendwelche Sachen in seinen Computer. Zuletzt zieht er den Pass noch durchs Lesegerät und dann bekomme ich den ersten Stempel in meinen schönen neuen Pass und darf los. War doch voll easy und alles zusammen hat nur 1 1/2 Stunden gedauert.

Mit meinem neuen amerikanischen Freund verabrede ich mich, irgendwo unterwegs einen Kaffee zu trinken, doch die erste Tankstelle passt ihm nicht, also fahren wir in den ersten Ort nach der Grenze. Dort gibt es auch einen Geldautomaten, der aber leider keine Karten annimt. Er hat eine Hand voll Dollars, die er tauschen kann, ich hab nur Plastikkarten und drei Fünf-Euro Scheine, die ich aber nicht hergeben will. Also verabschieden wir uns wieder und ich fahre über eine unsagbar schlechte Strasse wieder zur gut ausgebauten Hauptstrasse. DCIM100GOPRO

Bis Lviv komme ich gut voran, aber dann ist kurz vor meinem Ziel eine Strasse gesperrt. Als ich noch überlege, ob ich einfach durch die Baustelle durchfahren soll, da greift mich ein Hund an, und ich muss blitzschnell flüchten. Durch die Sandige Baustelle werde ich es wohl nicht schaffen, also versuche ich zwischen zwei Betonklötzen, die als Strassensperre dienen, durchzukommen. Dabei bleibe ich mit einem Seitenkoffer hängen. Als mich auf die Füsse stelle, hebt sich das Heck ein bisschen an und ich bin frei. Der Strassenköter hat mich glücklicherweise nicht erwischt.

DCIM100GOPRO

Dann fängt der Horror aber erst richtig an. Strassenbahnschienen gepaart mit teilweise unvorstellbar schlechtem Kopfsteinpflaster. Der Traum eines jeden Zweiradfahrers. Jetzt muss es nur noch regnen, denke ich mir, doch das bleibt mit glücklicherweise erspart. Nicht erspart bleibt mir allerdings, dass mich mein Navi wieder in eine neue Baustelle lotst. DCIM100GOPRO

Gut, dass ich mir gestern auf Google Maps ein Bild von der Lage meines Ziels gemacht hab. So orientiere ich mich nach dem Sonnenstand und fahre einen möglichst grossen Bogen, um mich dem Ziel von einer anderen Richtung, hoffentlich ohne Baustelle, zu nähern. Dabei muss ich dann nur noch ein paar Spurwechsel auf Pflastersteinspurrillen mit Strassenbahnschienen meistern.

Völlig erschöpft und nass geschwitzt komme ich dann nach 40 Minuten Odyssee im Berufsverkehr bei meinen Gastgebern an. Als ich mich telefonisch ankündige, sagt mir Anton, dass niemand zuhause sei und ich noch 20 Minuten warten muss. Kein Prolem, Hauptsache nicht mehr Motorrad fahren.

Während ich warte, sprechen mich drei verschiedene Leute freundlich an und fragen, ob sie mir helfen können. Irgendwie wollen sie mir nicht glauben, dass bei mir alles ok ist und ich nur auf Freunde warte. Auch dass ich mich nicht zu ihnen setzen und kein Bier trinken möchte scheint ihnen nicht zu gefallen. Doch nach über acht Stunden im Sattel ist mir nicht nach Sitzen zu mute. AA-20130731-1447

Als dann eine junge Frau mit zwei Kindern und einem strahlenden Lächeln auf mich zukommt und mich auf Deutsch anspricht, weiss ich, dass ich es geschafft hab. Ich bin angekommen. Nachdem mein Gepäck in der wunderschönen Wohnung verstaut ist, zeigt mir Yaryna noch den Weg zum bewachten Parkplatz auf der anderen Seite des Blocks. Dort bekomme ich unerwartet sogar einen Platz in einer geschlossenen Halle, und das für zwei Euro am Tag. Was will man mehr? AA-20130731-1449

Nach einer Dusche und einem leckeren Abendessen führen mich Yaryna und Anton noch durch ihre Stadt und zeigen mir ein paar wirklich coole Restaurants, die ich ohne die beiden als Führer nie gefunden hätte. Im Bunker sieht aus aus wie in einem konspirativen Treffpunkt von Widerstandskämpfern, und man muss zuerst einen uniformierten und schwer bewaffneten Türsteher überzeugen, dass man auch zum Widerstand gehört, bevor man eingelassen wird. AA-20130731-1452

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Bei Appartment Nr 8 muss man zuerst durch eine typisch ukrainische Wohnung gehen, bevor man in dem sehr geschmackvoll eingerichteten Restaurant landet. Bei gedämpftem Licht und vielen Ölgemälden fühlt man sich wie zu Besuch in einem grossbürgerlichen K+K Wohnzimmer. Die Krönung des Ganzen ist die schönste Toilette von Lviv. AA-20130731-1467