Die Planung der letzten Tage kam spontan nach dem Frühstück, doch der Plan für heute stand schon gestern Abend fest. Weg. Weg von der flachen, waldreichen Insel. Auch wenn ich den Schiefen Leuchtturm und den Metoritenkrater noch nicht gesehen hab. Ich will weg. In Lettland gibt es einen Naturpark, der vielleicht ein paar Hügelchen und ein paar Kurven zu bieten hat. Das Grobziel ist gesetzt, einen Platz zum Übernachten werde ich in diesem touristischen Gebiet schon finden. DCIM100GOPRO

Um 10 Uhr bin ich on the road. So früh war ich lange nicht mehr dran. Es soll Regen geben, und den will ich nicht unbedingt auch noch mitnehmen. Zwar bewege ich mich vorerst nur auf asphaltierten Schnellstrassen, aber auch die fahren sich ohne Regen angenehmer. Ein wenig friere ich bei dem kühlen Wind, doch mit der Innenjacke werde ich Schwitzen, also fahre ich weiter und denke an was Warmes. Einen Kaffee z.B. Den gönne ich mir dann während ich in Kuivastu auf die Fähre warte. DCIM100GOPRO

Dort treffe ich auch zwei Luzerner, die auf dicken Mopeds auf dem Weg vom Nordkap zurück in die Schweiz sind. Wir unterhalten uns übers Reisen, über den richtigen Reifendruck auf Schotterpisten und über die Vor- und Nachteile des Alleinereisens. Die Beiden waren gut drauf und ich hätte gern noch mit ihnen in Pärnu zu Mittag gegessen, aber ich checke es wieder mal nicht, dass mein Navi mich auf einen dummen Umweg schickt. Bis ich im eine Stelle zum Wenden gefunden habe vergeht eine Weile und die Schweizer sind schon über alle (nicht vorhandenen) Berge. Ab und zu sollte ich mal Schilder lesen. DCIM100GOPRO

Bei der obligatorischen Stadtrunde durch Pärnu finde ich tatsächlich eine Buchhandlung und kann mir endlich eine ordentliche Karte vom Baltikum kaufen. Bei der Gelegenheit nehme ich gleich noch eine für Polen mit. Weiter geht’s abseits der der Hauptverkehrsstrasse über Nebenstrassen nach Lettland. Mit den ersten Kurven kommt dann auch ein frisch asphaltierter Fahrbahnbelag. Toll, könnte man meinen, aber Motorradfahren auf Rollsplit ist alles andere als lustig. Hoffentlich hört das auf, bevor die Kurven aufhören denke ich noch, da stehe ich schon an der Grenze, und mit dem Land ändert sich auch die Fahrbahn. Ich tausche estnischen Rollsplitt gegen einen lettischen Flickenteppich und wünsche mir eine verstellbare Gabel. Bei der Hinterradfederung hab ich sehr lange gebraucht, bis ich die richtige Mischung aus Federhärte und Dämpfung gefunden hatte. Bei der Gabel kann man Federn wechseln und/oder den Gabelölstand verändern. Nix, was man mal während der Fahrt machen kann.AA-20130710-2858

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Ein Hinweisschild zu einer Tankstelle führt mich durch den Fahrzeugpark eines landwirtschaftlichen Grossbetriebs. Die Tankstelle gehört wahrscheinlich auch dazu. Irgendwie sieht das hier alles nach einem Überbleibsel einer sowjetischen Kolchose aus. Natürlich hab ich noch keine Lats, denn ich bin noch an keinem Geldautomaten vorbeigekommen. Deshalb versichere ich mich vor dem Tanken, dass auch Kreditkarten akzeptiert werden. Kassiert wird in einem kleinen Büro von einem Mann, der gelangweilt im Internet surft. Ich deute auf meine Kamera und bitte um ein Foto, aber er schüttelt abwehrend den Kopf. Schade, das Büro wäre ein lohnendes Motiv gewesen. DCIM100GOPRO

In Valmiera hoffe ich darauf, ein Restaurant zu finden. Ich hab einen Bärenhunger, aber es ist 15:30. Zu spät fürs Mittagessen und zu früh fürs Abenessen. Ich werde trotzdem fündig und stärke mich mit einer asiatischen Lammfleischsuppe und einem Ceasar’s Salad. Die Portionen sind übersichtlich und für lettische Verhältnisse nicht ganz billig. Doch Gutes hat eben seinen Preis, auch hier im wilden Nordosten. Nachdem ich mich noch mit Lats eingedeckt hab, geht die Fahrt weiter zum Gaujas Nationalpark. Diesmal merke ich rechtzeitig, dass mein Navi mich wieder einmal auf einen riesigen Umweg schicken will und navigiere deshalb mit meiner Karte.

Den ganzen Tag über habe ich hin und wieder intakte oder verfallene Windmühlen und Storchennester auf Telegrafenmasten oder Kaminen gesehen. Bei der nächsten Mühle, die ich sehe, biege ich ab und folge der Schotterpiste. Es könnte idyllischer nicht sein. Neben der restaurierten Windmühle wohnt in einem grossen Nest auf einem Telegrafenmast eine Storchenfamilie und alle posieren ausgiebig nicht nur für meine Kamera. Dabei fallen mir zwei Begegnungen ein, die ich heute auf einer schmaleren Nebenstrasse hatte. Zuerst startet ein Bussard oder Milan links von mir von einem Baum und fliegt ein paar Flügelschläge lang zum Greifen nah neben mir her. Kurz darauf startet rechts neben mir ein Storch, und auch der begleitet mich für ein paar Flügelschläge. In solchen Momenten scheint die Zeit stehen zu bleiben und diese kurzen Augenblicke fühlen sich an, als dauerten sie eine kleine Ewigkeit. AA-20130710-7002

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Nach der Mühle geht es nach Ligatne. Dort müssen ein paar Hotels mit freien Betten sein. Da mein Navi die Strassen nicht kennt, und es fast keine Beschilderungen gibt, irre ich aber nur umher und trainiere so nebenbei das Schotterpistenfahren. Als ich bei einem Restaurant nach einem Zimmer frage, sprechen mich ein paar Deutsche an und fragen nach meinem exotischen Nummernschild. Sie haben ein Verzeichnis mit einer überschaubaren Liste von Unterkünften dabei und da eine lettische Frau zur Gruppe gehört, bietet sie sich an, ein paar Telefonate zu führen. Es sieht so aus, als gäbe es nur noch eine kleine Blockhütte ohne Duschmöglichkeit zu der nur eine 10km lange Schotterpiste führt. AA-20130710-2901

Schotter ist kein Problem, sage ich noch. Schliesslich hab ich ja ne Enduro und die Reifen fühlen sich auf Schotter auch wohl. Also los. Doch die Piste übertrifft alles, was ich bisher unter den Rädern hatte. Der Schotter wird immer weicher und es gibt längere Sandpassagen die mich zunehmend in Verzweiflung bringen. So entscheide ich mich, Ludt abzulassen. Das erhöht die Eigendämpfung der Reifen, es gibt mehr Grip und der Schotter bringt den Lenker nicht so schnell zum Flattern. Aber wie viel Luft muss ich ablassen. Ich hab zwar einen Kompressor mit Manometer dabei, den möchte ich aber jetzt nicht von ganz Unten rauskramen. Also geht es nach Gefühl. Mit weniger Luft und im Stehen fährt es sich … na ja, ich würde sagen weniger unangenehm. Richtig Spass macht es mir mit dem voll beladenen Bock nicht, und körperlich anstrengend ist es obendrein. Dabei hab ich heute erst 7 Stunden im Sattel gesessen. AA-20130710-2895

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Am Idyllisch gelegenen Ferienzentrum angekommen trifft mich wieder die Sprachbarriere mit voller Wucht. Konnte in Skandinavien und Finnland noch jeder gutes Englisch, komme ich hier auf dem Land mit Englisch oder Deutsch nicht besonders weit. Wenn überhaupt, dann kommt man mit Russisch weiter. Die Blockhütte ist in Ordnung, aber ich habe nichts zu Essen dabei. Nochmal 10km auf dieser Piste hin und dann wieder zurück schaffe ich körperlich nicht mehr. Also sage ich njet und fahre wieder zurück. Diesmal noch der tiefstehenden Sonne entgegen, als wäre es nicht auch schon ohne Blendung schwer genug. DCIM100GOPRO

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Völlig erschöpft komme ich nach 10km Schotter und anschliessenden 2km Asphalt zu einer Tankstelle und will die Reifen wieder aufpumpen, aber ich höre nur ein njet, als ich mit Gesten nach Druckluft frage. Super, jetzt muss der Kompressor doch noch raus. Mit letzter Kraft wuchte ich den Bock auf den Hauptständer, löse meine gut verzurrte Gepäckrolle und packe den Kompressor aus. Dann drücke ich vorne und hinten 2 Bar in die Reifen. Das ist für Asphalt zu wenig und für Schotter zu viel, also ideal. 🙂

Vorsichtshalber kaufe ich mir an der Tanke noch ein Abendessen, bestehend aus einem Snickers und zwei Dosen Bier. Wer weiss, was die letzten beiden Stunden des Tages noch bringen.

Da es dämmert, ziehe ich mir die Warnweste über und fahre wieder nach Ligatne. Der Bunker hat angeblich immer freie Zimmer, aber da will niemand freiwillig hin. Ich auch nicht, deshalb schau ich mir vorher noch den Campingplatz an. Der liegt sehr idyllisch am kleinen Flüsschen Gaujas, aber auch da gibt es nicht mal ein Kisok. Die Nacht werde ich schon ohne was im Bauch überstehen. Aber am Morgen schon wieder Suchen müssen, nein. Mein Schicksal scheint besiegelt zu sein. Ich muss in den Bunker. AA-20130710-2912

Der Bunker ist ein Reha-Zentrum, dass auch Zimmer vermietet. Der Komplex war einst als Refugium für die sowjetische Führung im Falle eines Atomkriegs geplant. Da es Führungen durch die eigentlichen Bunkeranlagen nur samstags und sonntags gibt, kann ich leider keinen Blick in die ehemalige Kommandozentrale der Sowjet-Führung werfen , sondern nur den überirdischen Teil anschauen, aber auch das ist mehr als beeindruckend. Es kommt mir vor, als wäre ich bei einer der vielen Schotterpisten heute in ein Zeit-Loch gefallen und in der Sowjetunion gelandet. Die Dame an der Rezeption, die ein betont langsames und überdeutliches Englisch spricht, bietet mir ein Zimmer für 19 oder 29 Lats an. Meine Frage nach dem Unterschied beantwortet sie mit einem Hinweis auf den Zustand der Zimmer. Wenn dort keine Tiere wohnen, nehme ich das schlechtere Zimmer, ich will Sowjet-Flair schnuppern. AA-20130710-2915

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So beschliesse ich den Tag in einem total heruntergekommenen, aber sauberen Zimmer in einem lebendigen Museum. Mit WLAN versteht sich 😉 AA-20130710-2914