Beim Frühstück komme ich mir vor, als sitze ich im Speisesaal eines Altersheims. Umringt von Rentnern versuche ich den dünnen Filterkaffee zu geniessen, aber er will mir einfach nicht schmecken. Instant Kaffee schmeckt mir mittlerweile besser. Was soll’s, wenigstens gibt es Lachs. Bei dem vielen Räucherlachs, den ich hier esse, muss ich mir auch keine Sorgen machen, dass ich unerwartet abnehme. Keine Gefahr 🙂 AA-20130619-007535

Ich bin früh dran heute, denn ich schaffe es tatsächlich mal, vor 9:30 auf die Piste zu kommen. Die Strasse ist nicht besonders abwechlungsreich, doch als ich plötzlich auf einen über 8 km lange Tunnel zufahre, schaffe ich es noch, vorm Tunnelportal zu wenden und die kurvigere Route über den Pass zu nehmen. Die Kurven sind nicht zu eng und die Strasse gehört mir. Endlich mal wieder Schräglagen, allerdings keine Zeit, den Auslöser an der Kamera zu drücken. Oben auf dem Fjell bekomme ich einen Vorgeschmack auf das, was mich am Polarkreis erwartet: Tundra DCIM100GOPRO

Von weither sichtbar ist eine Russwolke, die aus Mo i Rana zu kommen scheint, und ich bin gespannt, was mich da erwarten wird. Zuerst sieht es so aus, als stehe eine Fabrik in Flammen. Am Ende ist es nur eine Barakke die lichterloh brennt. Warmsanierungen kennt man scheinbar auch in Norwegen. DCIM100GOPRO

Nach Mo i Rana geht’s zum Polarkreis, und er macht seinem Namen alle Ehre. Es geht auf eine grosse, kalte Hochebene, auf der mich mein alter Freund, der Seitenwind mal wieder begrüsst. Ich ärgere mich, dass ich mein zweites Paar lange Unterhosen nicht angezogen habe und stelle die Griffheizung auf Stufe 2. Ohne Griffheizung wäre ich schon lange verzweifelt, den seit ich zu hause losgefahren bin, wärmt sie jeden Tag für Stunden die kalten Finger. Beine und Hintern bleiben trotzdem kalt. DCIM100GOPRO

Bei 66° 33,096′ nördlicher Breite parke ich mein Moped vor einem, einem Iglu nachempfundenen Bauwerk, um mich aufzuwärmen. Zum Polarkreis sind es zwar noch ein paar hundert Meter, aber was soll’s, 66° 33′ 44″ ist ohnehin nur eine Nummer. Die Sonne geht auch noch nördlich des Polarkreises unter, zumindest wenn man Berge im Norden hat. Ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, die Mitternachtssonne zu sehen, aber die ist mir überhaupt nicht mehr wichtig. Das Erlebnis, dass es nachts nicht dunkel wird ist das, worauf es mir ankommt. Die Sonne über dem Horizont hab ich schon öfters gesehn, wenn auch nicht mitten in der Nacht. Dass es seit etwa zwei Wochen nicht mehr dunkel war, finde ich wesentlich beeindruckender. AA-20130619-2083

In Bodø wollte ich eigentlich noch ins Luftfahrtmuseum. Weil ich aber noch kein Ticket für die Fähre auf die Lofoten habe, fahre ich erst mal zum Hafen und merke schnell, dass ich das Museum streichen kann. Statt Flugzeuge schaue ich mir dann Motorrad-Oldtimer an. Vier Deutsche warten da schon mit ihren Oldies und erzählen mir von ihrem letzten Abenteuer. Tank schweissen am Morgen. AA-20130619-2086

Auch ein weiteres Motorrad mit selbstgebauter Baumarktkistenhalterung, das gestern schon an mir vorbeigefahren ist, treffe ich am Hafen. Die Konstruktion ist noch wesentlich abenteuerlicher und vorallem schwerer als mein Meisterwerk . Christoph, da haben wir wirklich excellente Arbeit geleistet. AA-20130619-4332

Da mein Moped aber viel mehr Federweg hat und deshalb auch viiiel höher ist, ist es im Stand auch viel instabiler und muss auf der Fähre wieder einmal besser gesichert werden, als alle anderen Motorräder. AA-20130619-2095

Die Überfahrt auf der Fähre ist eine langsame Vorbereitung auf das, was uns da auf den Lofoten erwarten wird. Ich dachte, es ginge aufs offene Meer, doch wir fahren an vielen kleinen Inseln vorbei, bis dann das Panorama der Lofoten zu sehen ist. Grossartig. AA-20130619-4478

Doch das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was es dann auf den Lofoten zu sehen gibt. Mir bleibt der Mund offen stehn und fast habe ich Tränen in den Augen, weil es so ergreifend und zugleich kitschig schön ist, dass ich es nicht fassen kann. Und hinter jeder Kurve wird es noch schöner. Ich bin im Paradies angekommen. Es ist unbeschreiblich schön. AA-20130619-4534

Mein Hostel finde ich erst nach dem dritten Anlauf, weil es hier viele Hostels gibt und ein HI-Hostel nicht beschildert ist. Es stellt sich heraus, dass es sich nicht um ein einziges Gebäude handelt, sondern um mehrere alte Häuser, in denen es Zimmer gibt. Mein Haus liegt etwas abseits und hat dummerweise keine besondere Aussicht, also gehe ich nochmal los um Fotos zu machen. Nach wenigen Metern sprechen mich ein paar Leute an, die auf einer Terrasse vor einer kleinen Holzhütte sitzen, und fragen, ob ich Hunger habe. Können die hier auch noch Gedanken lesen?

Eine Minute später sitze ich bei sechs Norwegern am Tisch, habe ein Bier in der Hand und auf meinem Teller liegt ein grosses Stück Walfleisch vom Grill mit Kartoffeln, Zucchini und Broccoli. Meine grosszügigen Gastgeber arbeiten bei der staatlichen Lebensmittelaufsichtsbehörde und sind hier bei einem Team-Building-Event. Sie haben viel zu viel Essen gemacht und deshalb laden sie mich ein.AA-20130619-4550

Zuerst denke ich, sie veralbern mich, aber das Fleisch schmeckt nicht wie irgendetwas, was ich kenne. Am ehesten erinnert es mich noch an Gazelle. Es schmeckt sehr gut und man erklärt mir, dass das Jagen von Walen hier im Norden eine uralte Tradition hat, und die Population der Minkwale nicht gefährdet sei. Bis zwei Uhr sitzen wir noch zusammen und trinken das teure Bier auf Staatskosten und ich kann das alles, was mir hier in der kurzen Zeit auf den Lofoten schon begegnet ist, noch immer nicht richtig fassen. Ich bin tatsächlich im Paradies gelandet.

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Den GPS Track kann ich von hier aus leider nicht hochladen. Das wird bei Gelegenheit nachgeholt.