In meinem Hotel findet wohl gerade ein Kinderferienlager statt. Als ich den Frühstücksraum suche, lande ich zunächst in einem Massenverköstigungssaal in dem an acht langen Tischreiehen Kinder und Jugendliche sitzen. Na das wird ein gemütliches Frühstück, denke ich mir. Doch da entführt mich auch schon eine junge Dame vom Service in einen anderen Raum, in dem es etwas ruhiger und gemütlicher zugeht. Als ich dort von einer Dame in Hoteluniform angesprochen werde zeige ich brav meinen Schlüssel mit der Zimmernummer, aber das ist es nicht, was sie wissen möchte. Sie redet auf Polnisch auf mich ein und macht einen besorgten Gesichtsausdruck. Die Sprachbarriere schlägt wieder einmal voll zu. Es schein ein riesiges Problem zu geben, aber ich sehe nirgendwo eins. Es gibt ein Büffet und den Kaffee finde ich auch. Den besorgten Ausdruck der jungen Dame kann ich mir wirklich nicht erklären. Plötzlich konfrontierst sie mich mit dem Wort eggs und ich verstehe die Aufregung. Mit Gesten bestelle ich zwei Spiegeleier von beiden Seiten gebraten und die Dame verschwindet glücklich grinsend in der Küche.

Draussen ist es noch ganz schön kalt. Als ich mein Moped bepacke bläst mir der eisige Wind um die Ohren und ich bin froh, dass ich gleich den Helm anziehen kann, lange Unterhosen und dicke Socken hab ich vorsorglich schon angezogen. Bevor ich losfahre mache ich noch alle Lüftungsreisverschlüsse an der Jacke zu und denke an meine Februartour zum Julierpass. Da war’s bei trockener Kälte wesentlich gemütlicher. Doch im Sonnenschein wird die Luft schnell warm und ich merke plötzlich, dass ich grinse. Kurven, Hügel, Weizenfelder, Seen … so schön war die Landschaft seit Norwegen nicht mehr. Ich fahre nicht mehr nur von A nach B, sondern um des Fahrens willen. Das ist Motorradfahren. Wer braucht eine Wolfsschanze, wenn es Kurven und Hügel gibt? Vor lauter Freude vergesse ich sogar das Fotografieren. DCIM100GOPRO

Vor einem aufziehenden Gewitter flüchte ich in ein Gartenlokal. Selbstbedienung. Und wieder treffe ich auf die Sprachbarriere. Ich zeige auf einen Teller, der gerade vorbereitet wird und die Dame nickt mir zu und sagt Sola. Ne Sola und ne Cola also. Aber Moment mal, ich bin umgeben von 1000 Seen und die servieren hier Scholle? Das muss ich noch verifizieren. Meine Sola ist absolut geschmacksneutral, dafür aber sehr fettig. Das gleiche gilt für die Pommes. Einzig der Krautsalat aus dem Eimer schmeckt. Ob er gut ist kann ich nicht wirklich sagen, aber neben der Fritteusenkost wirkt er wie ein kulinarisches Feuerwerk.

Die Polen sind wesentlich besser auf den Tourismus eingestelt, als die Balten. In jedem Dorf gibt es Schilder, die den Weg zu Hotels zeigen, an jeder Ecke gibt es einen idyllisch am See gelegenen Campingplatz und überall treffe ich auf Autos mit Bootsanhängern, auf denen für Kajaktouren geworben wird. Anders als in Estland, Lettland und Litauen merkt man, dass es hier Leute gibt. die Ferien machen. Doch vom Massentourismus bleibt die Gegend glücklicherweise noch sehr weit entfernt.

Es geht weiter durch das wunderschöne Masuren. Auf fast leeren Nebenstrassen und mit einem kleinen Umweg fahre ich einem Highlight meine Tour entgegen. Im Wald bei einem kleinen Dorf namens Gierłoż gibt es ein paar berühmte Trümmer zu besichtigen. Was da genau auf mich zukommt, weiss ich nicht und ich hoffe nur, dass an diesem geschichtsrächtigen Ort nicht all zu viele ewig Gestrige rumlaufen. Die Einfahrt zur Wolfsschanze scheint streng bewacht zu sein, aber es sind nur freundliche Ordner, die die eintreffenden Fahrzeuge auf die Parkplätze verteilen. Ich darf direkt hinterm Wachlokal auf den Motorradparkplatz, wo ich unter einem Baum parke und drei gefährlich aussehende Coustom-GS bewundern kann, die wohl auch schon eine längere Reise hinter sich haben. AA-20130722-0678

Die Fahrer treffe ich kurz darauf. Sie kommen von Norwegen und sind auf dem Nachhauseweg nach Bayern. Sie erzählen mir, dass sie vom Nordkap über Russland nach Estland gefahren sind, und dass das lange nicht so abenteuerlich war, wie überall erzählt wird. Kein Ärger mit der Polizei, und trotz Sprachbarriere gab es keine wirklichen Probleme. Als ich erwiedere, dass ich diese Route auch in Betracht gezogen hatte, mich aber nicht getraut habe, alleine durch Russland zu fahren, schauen sie sich gegenseitig an und meinen, dass sie die Tour alleine so auch nicht gemacht hätten. Mit den Erfahrungen, die sie nun gesammelt haben, aber zukünftig auch alleine nach Russland fahren würden. AA-20130722-7708

Die Trümmer des Führerhauptquartiers eines 1000-jährigen Reichs sind beeindruckend. So dicke Betonwände und Decken habe ich bisher nicht gesehen. So verwundert es auch nicht, dass trotz massivem Einsatz von Sprengstoff beim Rückzug noch viele Bunker stehen oder nur einzelne eingeknickte Wände haben. Doch was der Sprengstoff mit brachialer Gewalt nicht vermocht hat, das schafft die Natur. Ganz langsam erobert sich der Wald sein Gebiet wieder zurück und sprengt zusammen mit der Kraft von Wasser und Eis die Ruinen der Wolfsschanze. AA-20130722-7731

Als es zu regnen anfängt suche ich Unterschlupf in einem Bunker. Das ist ungemütlich und doch irgendwie spannend. Die Trümmer sind zwar nicht eingezäunt, aber überall weisen Schilder in Polnisch, Russisch, Deutsch und Englisch darauf hin, dass die Anlagen Baufällig sind, und das Betreten lebensgefährlich sein kann. So massiv, wie die Dinger noch aussehen, werden die aber einen Regeschauer schon noch überstehen. AA-20130722-0698

An der Stauffenberg-Gedenktafel komme ich mit einem knapp 90 jährigen Mann ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er in der Gegend aufgewachsen ist, mit 17 zum Polizeidienst eingezogen wurde und nach einigen Versetzungen plötzlich bei der SS gelandet ist. Er macht einen etwas verwirrten Eindruck, doch seine Geschichte weckt Erinnerungen an meinen Vater, der mit 17 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde und dort drei Jahre Krieg und Gefangenschaft mitmachen musste. Seine Kriegsgeschichten haben mich als Kind immer fasziniert. Als ich später in der Schule die Hintergründe dieses Krieges erfahren habe und mir klar wurde, was es wohl bedeutet haben muss, einen solchen Krieg mitzuerleben, war es dann schnell vorbei mit der Faszination. AA-20130722-7745

Es fängt wieder an zu regnen. Mein Zufluchtsort ist diesmal etwas angenehmer. Ein Sonnenschirm des Cafes am Parkplatz. Als der Regen nach einem Kaffee immer noch nicht aufhören will, beschliesse ich weiterzufahren. Bis ich mich wasserdicht eingepackt hab, bin ich nass geschwitzt und kurz nach der Ausfahrt fällt mit dann wieder dieser faszinierend schöne Sumpfwald auf, den ich aber jetzt nicht knipsen kann. Heute ist einfach kein Tag zum Fotografieren.

Ich überlege noch, ob ich ein paar ziellose Runden in dieser tollen Gegend drehen soll, aber bei diesem Wetter ist mir nicht mehr danach, so fahre ich zielstrebig nach Mragowo, wo mir nochmal eine fahrerische Prüfung abverlangt wird. Kopfsteinpflaster in strömendem Regen. In Riga hatte ich bereits Gelegenheit sowas zu üben. Doch dort kamen noch nasse Strassenbahnschienen und überschwemmte Strassen dazu. Ein bisschen nasses Pflaster stellt also kein wirkliches Problem mehr dar.

In meinem Hotel bekomme ich noch vom Chef persönlich einen besonders schönen und sicheren Motorradparkplatz zugewiesen und es ist eine Wohltat, dass ich hier endlich wieder in Deutsch und Englisch kommunizieren kann. Mein Zimmer buche ich für eine Nacht mit der Option auf Verlängerung, die ich aber erst nach dem Frühstück ausüben will. Erst mal muss ich die Wettervorhersage checken.

Am Ende ist es nicht die Wettervorhersage, sondern der kalte Wind, der mir beim Abendspaziergang durch den Ort um die Ohren bläst, der meine Entscheidung schon am Abend fixiert. So schön es auch ist, ich muss hier weg. Es ist Juli und ich habe keine Lust, mit zwei Jacken und einer Wollmütze rumzulaufen. Morgen geht es nach Süden, wohin genau wird sich zeigen.

 

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