Mit klingelnden Ohren sitze ich in meinem Schlafwagenabteil im Nachtzug von Chiang Mai nach Bangkok. Nach traumhaft schönen 2’100 km im Sattel einer Kawasaki Versys 650 durch den bergigen Norden Thailands bin ich froh, dass es endlich vorbei ist. Loud Pipe safe Life. Sicher, der Spruch hat was, aber acht Tage auf einer fürchterlich laut schreiend und fauchenden schwarzen Katze zu sitzen zehrt auch an den Nerven, und die haben jetzt endlich Zeit, sich etwas zu beruhigen.

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Vor acht Tagen bin ich zu einer meiner schönsten Motorradtouren aufgebrochen. Sommerliche Temperaturen im Dezember, endlose Kurven und meistens ein perfekter Strassenbelag, der zur Abwechslung ab und zu von von ein paar Kilometern Schlaglochpiste und zwei sehr kurzen Offroad-Passagen unterbrochen wird.

Zum ersten mal fahre ich in einer Gruppe und lerne es zu schätzen, einfach nur jemandem hinterher zu fahren, seine Linie zu beobachten, nachzufahren oder mir alternativ eine bessere oder manchmal auch schwierigere Linie zu suchen. Dabei muss ich oft an meine Anfangszeiten im Wildwasserkajak nachdenken, wo ich gelernt habe wenn es leicht ist, die schwierigere Route zu nehmen. Diese Trainingsmethode praktiziere ich nun auch auf dem Motorrad und fahre in gemässigter Schräglage durch Schlaglöcher um ein Gefühl dafür zu bekommen und für den Ernstfall – wenn es mal keinen Weg daran vorbei gibt – gerüstet zu sein.

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In engen, steilen Kurven, beim Herunterschalten in den ersten Gang, blockiert das Hinterrad beim Loslassen der Kupplung für einen kurzen Moment. Dieses Feature hat meine BMW nicht, doch nach und nach erwische ich mich dabei, dass ich es wie selbstverständlich zu meinem Vorteil nutze und ein kleines bisschen durch die Kurven drifte.

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Die Innenseiten der Kurven sind teilweise sehr steil und statt die volle Breite der zumeist freien und übersichtlichen Fahrbahn zu auszunutzen , geniesse ich es, die steile Seite hochzufräsen. Die vielen Kilometer, die ich auf engen Alpenpässen abgeritten habe machen sich hier bemerkbar. Ich suche förmlich nach der engsten und steilsten Linie. 🙂

Die Kawa ist dank des 17″ Vorderrads wesentlich agiler als meine BMW mit 21″ und die ca. 20 PS und 20 Nm Mehrleistung meiner GS fehlen mir kein bisschen. Allerdings treibe ich die Kawa auch gefühlt zu 90% im zweiten Gang mit hohen Drehzahlen und einem bestialischen Lärm durch die Kurven Dabei überraschen mich immer wieder der Drehzahlbegrenzer oder das Backfire-Knallen wenn ich bei über 8’000 U/min den Gasgriff abrupt zurückdrehe. Diese Kawa ist ein Biest. Sie schreit mich an. Sie will gequält werden. Ich tue ihr diesen Gefallen gerne, und bin doch froh, dass sie nur 65 PS hat.

Speed Tickets zahlt der Veranstalter. So steht es im Vertrag, und am Anfang macht es auch Spass, das faktische fehlen von Tempolimits zu geniessen. Doch mit der Zeit werden mir besonders die Ortsdurchfahren zu schnell, und es kommt immer wieder vor, dass ich den Sichtkontakt zum Vordermann verliere und immer weiter zurückfalle. So kann ich dann ohne Gruppendruck mein eigenes Tempo fahren: In Ortschaften langsam(er als die andern), dafür auf der Landstrasse mit etwas mehr Dampf. Allerdings muss ich jetzt wieder den Belag im Auge behalten, statt einfach nur dem Guide hinterherzufahren.

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Die acht Tage sind sehr abwechslungsreich aber auch sehr anstrengend. Morgens ist es meistens noch kühl, manchmal sogar so kalt, dass ich lange Unterhosen anziehen muss, aber spätestens nach der Mittagspause wird es heiss und bei jedem Stop steht mir der Schweiss in den Schuhen. Und obwohl die Etappen nur zwischen 160 und 300km lang sind, bin ich abends geschafft. Meistens geht es dann nach einer Dusche gleich weiter zum Abendessen und danach muss ich noch Bilder sichten und Sicherungskopien erstellen.

Ich geniesse den Sommer und das Fahren, freue mich aber trotzdem jeden Tag mehr auf das Ende der Tour, vorallem weil mir jeden Abend der Schädel brummt. Das Geschrei meiner Kawa trübt den Spass jeden Tag ein bisschen mehr. Der letzte Tag ist eigentlich nur noch eine Raserei. Die Tagesetappe ist ziemlich lang, Kurven gibt es fast keine, das Durchschnittstempo wird immer schneller und so zeigt am Ende das Tages mein GPS Logger eine Höchstgeschwindigkeit von 179,11 km/h an. So schnell bin ich bisher nicht mal auf ‘ner deutschen Autobahn gefahren.