Tag 1


 

Nachdem ich im Juni bei meiner kleinen Runde um den Mont Blanc ein kleines bisschen an der Route des Grandes Alpes schnuppern konnte, war klar, dass ich da unbedingt nochmal hin muss. Nun war der Sommer ja nicht gerade üppig mit Motorradwetter gesegnet und in Regen, Nebel und Schnee wie im Mai wollte ich nicht noch mal über französische Alpenpässe schleichen. Das Projekt war für 2014 also schon fast gestorben. Als dann doch noch am langen ersten Septemberwochenende durchgehend gutes Wetter prognostiziert war, habe ich kurzentschlossen von vier auf sechs Tage verlängert und los ging es in die französischen Alpen.

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Die Anfahrt über die Autobahn zum Genfer See ist unspektakulär aber schneller als über Oberalb- und Furkapass ins Wallis. Bis Martigny gibt es fast keine Kurven aber die Vorfreude auf den Grossen St. Bernhard macht die Fahrt erträglich und picknickende Holländer hätten in der Surselva oder im Wallis auch kein so surreales Fotomotiv abgegeben wie auf einer Raststätte im Aargau.

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Von Martigny aus geht es dann zum dritten mal in diesem Jahr über den Grossen St. Bernhard. Dabei fällt mir ein, dass ich den San Bernardino, der nur eine gute Stunde von Vaduz entfert ist, in diesem Jahr noch kein einziges mal gefahren bin.

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In Aosta verpasse ich irgendwie die Umgehungsstrasse und lande in der Rush-Hour in der aufgeheizten Stadt. Wenn ich das nächste mal hier herkomme muss ich mir eine Route über die SR41 programmieren. Das dauert sicher länger, die Strecke verspricht aber wesentlich interessanter zu werden als die Fahrt im Stau durch Aosta. Eigentlich wollte ich ja hier im Tal übernachten, aber ich glaube, der Kleine St. Bernhard liegt noch drin. also geht es weiter auf der SS26 in Richtung Monte Bianco.

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Den Kleinen St. Bernhard fahre ich im Abendlicht und werde auf der französischen Seite mit atemberaubend schönen Lichtspielen von Sonne und Wolken belohnt, die die Actioncam am Lenker leider nicht mal annähernd einfangen kann. Fotopausen liegen aber nicht mehr drin, denn ich möchte noch im Hellen in Bourg St. Maurice ankommen und ein Zimmer hab ich auch noch nicht gebucht.

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Alles kein Problem! Ich muss nich mal bis Bourg St. Maurice fahren, denn kurz vor Seez stellt sich mir zwischen zwei Kehren plötzlich ein Biker-Hotel quasi in den Weg. Das letzte Zimmer geht an mich und ich hab am Abend noch ein paar interessante Benzingespräche mit andern Bikern.

 

 

Tag 2


 

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Der neue Tag beginnt mit einem Highlight der Tour. Es geht zu einem der höchsten Alpenpässe. Durch das nicht besonders sehenswerte Val d’Isere geht es in endlosen Kehren mitten durchs Skigebiet hoch auf 2’764 m zum Col de l’Isèran. Der Iseran ist nicht nur besonders hoch, er ist auch besonders schön und besonders schön zu fahren. Schade, dass er so weit weg ist.

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Auf der Südseite, kurz vor Lanslebourg verlasse ich die Route des Grandes Alpes und machen einen kleinen Abstecher über den Col du Mont Cenis nach Italien ins Susatal. Von dort aus geht es über den Col du Montgenèvre zurück Frankreich. Von Briançon aus geht es dann zum Col de l’Izoard. Den bin ich im Mai im strömenden Regen bei 0°C gefahren, aber heute präsentiert sich die bizarre Mondlandschaft von ihrer guten Seite.

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Für den kleinen Abstecher nach Château-Queyras habe ich keine Zeit, ich bin ja zum Kurvenfahren hier und das absolut sehenswerte Dorf mit der schönen Burg kenne ich schon. Die Fahrt durchs Tal des Guil erinnert mich an meine meine schönsten und aufregendsten Kajaktouren, aber das muss in einem anderen Leben gewesen sein. Von Guillestre aus geht es dann über den Col de Vars zu einem weiteren grossen Highlight, dem 2’715 m hohen Col de la Bonette. Von der Passhöhe aus fahre ich noch über eine Ringstrasse zum höchsten Punkt meiner Reise auf 2’802 m.

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Die Talfahrt beginnt mit dichtem Nebel, aber wenigen km Schrittempo, kann ich das Gas wieder aufdrehen und geniesse die Kurven und die Landschaft im Tinée Tal. Den Kurvenrausch will ich noch nicht beenden und so lasse ich St. Etienne de Tinée liegen. Isola wird es sicher auch eine Unterkunft geben. Doch als ich dort anhalte und nach nach einem Hotel suche finde ich nichts. Es gibt kein Hotel und weil ich nicht zurück fahren will, fahre ich weiter und halte die Augen auf.

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Ich finde nichts und muss noch über einen kleinen Pass in Richtung Valberg fahren. Dort habe ich mir über Booking.com noch ein Zimmer sichern können. Das liegt aber nicht auf meiner Route und ich muss umdisponieren. Trotzdem bin ich froh, als ich endlich an meiner Unterkunft ankomme und geniesse nach einer schnellen Dusche ein köstliches Abendessen.

 

 

Tag 3


 

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Wenn man sich ein bisschen in der Gegend auskennt und dazu noch Karten lesen lesen kann, dann bringt das gewisse Vorteile mit sich. So beschliesse ich, nicht wieder zurück ins Tal der Tinée zufahren, sondern eine Schleife durchs Vartal zu ziehen. Der Weg dahin führt durch eine besonders enge, rote Schlucht. Auf halber Strecke zum Var entdecke ich einen Abzweig, den ich bzer eim Studium der Karte übersehen hatte. Ein schneller Blick bestätigt mir, dass es da einen kleinen Pass zurück zu meiner ursprünglich geplanten Route gibt.

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Mehrmals geht es in engen Serpentinen fast wie auf einer Wendeltreppe nach oben und dann entlang des Vallon de Pierlas über ein schmales Stässchen durch zwei kleine Dörfer zurück zur Route des Grandes Alpes. Die Strecke ist fahrerisch anspruchsvoll aber auch wunderschön. Besonders die Aussicht bei der Abfahrt ins Tenée Tal ist atemberaubend schön, ein Highlight der Tour, das so nicht geplant war.

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Weiter geht’s nach St. Martin de Vesubie und von dort über den Col de Turini ins zauberhafte etwas abgelegenene Bévéra Tal. Wie in Rausch fahre ich durch endlose Kurven nach Sospel. Dort bin ich so aufgedreht, dass ich noch eine Schleife ins benachbarte Roya-Tal ziehe.  Motorrad-Wunderland. Ich bin wie im Rausch und bekomme nicht genug. Kurven, Kurven, Kurven, Sonnenschein, perfekte Strassen und wenig Verkehr. Ich denke zurück an drei Monate in Nord- und Osteuropa, die mir gefühlt nicht annähernd so viel Fahrspass bereitet haben wie die letzten beiden Tage.

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Von Sospel geht es in Richtung Nizza weiter, aber Mittelmeer und Badeorte interessieren mich nicht. Ich will Kurven. Als ich von einer Anhöhe kurz vor Nizza hinuter auf die zugebaute Côte d’Azur schaue, habe ich den südlichsten Punkt meiner Tour erreicht und drehe zurück nach Norden. Die Rennstrecke durchs Vartal will ich heute noch mitnehmen, aber ich unterschätze die Zeit, die ich für’s Umrunden der Vesubie-Schlucht brauche, und am dünn besiedelten Var wird es wieder schwierig, ein Bett zu finden. Auf einem Campingplatz am Fluss finde ich dann noch einen freienBungalow, den gleichen, in dem ich vor 11 Jahren mit Freunden beim Paddeln untergebracht war.

 

Tag 4


 

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Nach einem Tag auf schmalen Strassen und engen Kurven geht es heute vorwiegend über schnelle Pisten. Zuerst den Var hoch vorbei am malerischen Entrevaux durch die Gorges de Daluis. Rote Wände die steil in das enge Tal des oberen Var fallen, und auch hier kommen wieder Erinnerungen an eine aufregend schöne Kajaktour auf.

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Immer weiter entlang des Var geht es dann über den Col de la Cayolle nach Barcelonette, und entlang der Ubaye über eine Rennstrecke weiter zum Lac de Serre Ponçon. Hier beschliesse ich die längere Westroute zu nehmen, denn die kenne ich noch nicht. Es lohnt sich. Die Strecke ist schnell, die Aussichten auf den See sind traumhaft und ich freue mich auf die weitere Route über die N94 nach Briancon.

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Nach Briancon steht noch der Col du Galibier auf dem Programm. Nochmal geht es hoch auf über 2’600 m und wieder einmal hab ich Schwierigkeiten, auf der anderen Seite des Passes ein Zimmer zu finden. Am Ende lande ich zusammen mit einer Gruppe deutscher Rennradfahrer in einer Art Jugendherberge, die sich als Hotel tarnt. Die letzte Herausforderung des Tages war es, am Sonntag Abend im nicht besonders schönen Saint Michel de Maurienne ein Restaurant zum Abendessen zu finden.

 

 

Tag 5


 

Ich möchte Neuland entdecken und deshalb fahre ich nicht noch einmal über den Iseran sondern zum nicht besonders aufregenden Col de la Madeleine in Isere Tal nach Bourg Saint Maurice. jetzt weiss ich wenigstens, wo ich beim nächsten mal nicht lang fahren muss.

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Jetzt kenne ich mich wieder aus und freue mich auf den wunderschönen Cormet de Roselend. Fast alleine fahre ich über den nicht besonders hohen, aber landschaftlich und fahrerisch lohnenswerten Pass weiter über den Col des Saisies nach Flumet.

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Den spekttakulärsten Teil der Tour habe ich jetzt hinter mir und die nun folgenden netten kleinen Pässe bis zum Genfer See sind im Vergleich zu den Superlativen der letzten Tag nicht mehr der Rede wert. Ganz im Gegensatz zu Evian les Bains, wo ich meine letzte Nacht verbringe. Für das zur Therme gehörende Hilton reicht mein Kleingeld nicht mehr, aber das Savoy neben der alten Therme an der Uferpromenade.