Seit ich 2013 auf meiner Rundreise durch Nord- und Osteuropa kurz zu Besusch in Albanien war, zieht es mich zurück auf den südlichen Balkan. Aber warum nur fährt man freiwillig nach Albanien? Ich kann die Frage nicht beantworten. Unter allen europäischen Ländern ist Albanien wohl das ärmste, aber auch irgendwie das Exotischste. 40 Jahre Isolation unter Enver Hoxha haben ihre Spuren hinterlassen, die auch 30 Jahre nach dem Tod des Diktators noch deutlich spürbar sind und vielleicht ist es ja genau das, was den Reiz Albaniens ausmacht. Neben Albanien können aber auch die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens mit Exotik, traumhaften Landschaften und überwältigender Gastfreundschaft punkten, sodass schon die Anreise zu einem Höhepunkt wird.

Beim Motorradfahren ist ja bekanntlich der Weg das Ziel und wenn dieses Ziel ‘Balkan’ und die Reisezeit ‘Vorsaison’ heisst, dann ist endloser Kurvenspass bei schönem Wetter, leeren Strassen und günstigen Preisen fast schon garantiert.

 


8. Mai 2015 | Feldkirch – Villach – Crikvenica


Viele Wege führen auf den südlichen Balkan. Für mich geht es zunächst mit dem Autoreisezug von Feldkirch nach Villach. Das Angebot der ÖBB, morgens ausgeschlafen kurz vor der slowenischen Grenze aus dem Zug zu steigen klang verlockend. Von Schlafen kann aber im Zug keine Rede sein. Trotz Einzelabteil machen das Gequietsche in jeder Kurve und eine laut brummende Klimaanlage die Nacht zu einem Albtraum. Danke ÖBB. Für die Rückfahrt kann ich mir das Einzelabteil sparen, denn nicht schlafen kann man auf einem einfachen Sitzplatz gleich gut und wesentlich billiger.

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Wie gerädert stehe ich früh am Morgen auf dem Bahnsteig in Villach und es gibt nicht mal einen Kaffee. Trotzdem, oder gerade deshalb habe ich aber um acht Uhr schon meine zweite Passhöhe, den Vršič erreicht. Zwar sind mir bei der Auffahrt die gepflasterten Haarnadelkurven noch ein bisschen unheimlich, dafür ist die Abfahrt durchs Socatal im Morgenlicht ein Hochgenuss. Hier habe ich so manchen Sommerurlaub im Kajak verbracht, doch das ist lange her und ich jage jetzt Kurven und nicht mehr Wellen und Walzen hinterher.

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Die Route durch Slowenien hatte ich detailliert vorgeplant und aufs Navi geladen, doch der Modus kurvenreiche Strecke macht mir (nicht zum letzten Mal) einen Strich durch die Rechnung, allerdings im positivien Sinne. So lerne ich ein Stück (für mich) unbekanntes Slowenien kennen. Mehr Kurven – mehr Spass, doch ob ich bei dieser Streckenführung heute noch das Meer erreiche?

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Die kroatische Grenze ist trotzdem schnell erreicht und nach einem sehr späten Mittagessen an einem kleinen, idyllischen See erreiche ich das Meer doch noch früher als erwartet und suche mir ein Quartier in Crikvenica, wo ich nach einer erfrischenden Dusche sofort einschlafe.

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9. Mai 2015 | Crikvenica – Šibenik


Ich freue mich auf Kurven vor einer Traumkulisse. Die Strasse entlang der kroatischen Küste mit ihren vielen vorgelagerten Inseln bietet Kurvenspass vom Feinsten garniert mit traumhaften Ausblicken.

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Bei einem meiner vielen Fotostops treffe ich Farid, einen GS Fahrer aus Goslar. Wir quatschen uns fest und beschliessen einen Kaffee in einem kleinen Fischerdorf zu trinken. Wir sind beide nicht besonder motiviert Strecke zu machen und so beschliessen wir, noch ein eine Weile zusammen zu fahren und uns dann ein nettes Plätzchen zum Mittagessen zu suchen. Dort wird es dann 16:00 Uhr bis sich unsere Wege wieder trennen, doch wir verabreden uns in ein paar Tagen für eine Tour in Montenegro.

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Ich möchte noch ein paar Kurven mitnehmen, doch die Küstenstrasse wird mir irgendwann zu langweilig. So fahre ich ein Stück ins Landesinnere. Kleine, leere Strassen durch kleine Dörfer, Freiheit auf zwei Rädern. Doch ich werde langsam müde und ausserdem zieht ein Gewitter auf. Also steige ich kurz vor Šibenik in einem Hotel mit sensationellem Panoramablick auf den fjordartigen Durchbruch des Flusses Krka zur Adria ab. Der Motorrad-Spezialtarif ist günstiger als bei booking.com und ein bewachter Parkplatz für die BMW ist inklusive.

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10. Mai 2015 | Šibenik – Dubrovnik


Weil die Küste nun mehr und mehr verbaut ist und ich keine Lust auf lange Ortsdurchfahrten habe, fahre ich wieder durchs Hinterland.

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Hinter jeder Kurve vermute ich eine Begegnung mit Winnetou oder Old Shatterhand, aber ich stosse bestenfalls auf Kühe, Pferde oder Esel, die teilweise angebunden, teilweise frei laufend am Strassenrand stehen und dort nach etwas Fressbarem suchen. Neben plötzlich auftauchenden Schlaglöchern oder Belagwechseln sind dies die grössten Gefahren, die der Strassenverkehr hier zu bieten hat. Kamikazefahrer von denen man immer wieder gewarnt wird, treffe ich keine, aber das mag in der Hochsaison anders aussehen.

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Nach einem kurzen Stop in einem kleinen Fischerhafen und der grosszügigen Umfahrung von Split fällt mir ein Highlight quasi in den Schoss, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Der Cetina Canyon. Zunächst geht es auf einer breiten, gut ausgebauten Strasse in weiten Bögen hinunter zum Fluss, dann durch einen schmalen Durchbruch nach Omiš und schliesslich auf der anderen Flusseite wieder hinein in den Canyon, wo ich mich auf einem kleinen Bergsträsschen in engen Serpentinen in einen phantastischen Kurvenrausch fahre.

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Danach geht es wieder in grossen Kehren hinunter zur Küstenstrasse, die ich aber bald wieder verlasse, denn die Kurven in den Bergen gefallen mir besser als die Küstenstrasse und ausserdem erinnern sie mich erneut an Winnetou. Schon bald komme ich im grünen, fruchtbaren Mündungsdelta der Neretva in einer völlig anderen Welt an, doch schnell geht es wieder nach oben und bei Neum für ein kurzes Stück durch Bosnien und Hezegovina.

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Was mich dabei besonders wundert, sind die fehlenden Grenzkontrollen bei der Ein- und Ausreise nach bzw. aus BIH.

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Irgendwann erreiche ich endlich Drubrovnik, aber ich kann mein Hotel nicht finden. Das Navi will mich eine Steile Treppe hinauf schicken, aber das ist selbst für meine GS mit Stollenreifen nicht machbar. Also suche ich mir kurzentschlossen eine andere Unterkunft in der Nähe der Altstadt.

 


12. Mai 2015 | Dubrovnik – Petrovac


Nach einem erholsamen Tag in Dubrovnik geht es weiter nach Petrovac in Montenegro, wo ich mit Farid verabredet bin. Heute gibt es sowohl bei der Ausreise aus Kroatien, wie auch bei der Einreise nach Bosnien und Herzegovina das volle Programm. Zuerst an allen wartenden Fahrzeugen vorbei bis zum Abfertigunsgschalter fahren, dann das Motorrad parken, den Helm abziehen und mit Pass, Fahrzeugausweis und grüner Versicherungskarte zum Schalter. Dort wird dann der Pass gescannt und die Aus- bzw. Einreise des Fahrzeugs registriert. Das ganze dauert ca drei Minuten. Dann wieder Helm anziehen und ein paar Hundert Meter weiter zum Einreise Checkpoint, wo das ganze Prozedere nochmal durchlaufen wird.

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Für das Grenzgebiet BIH/Montenegro hatte ich besonders kleine und kurvenreiche Strassen als Route geplant, aber zwei mal muss ich wieder zurück zur Hauptstrasse. Beim ersten mal stehe ich vor einem kleinen Grenzposten, der mich nicht passieren lassen will, beim zweiten Abstecher in die Prärie stosse ich auf eine steile Piste mit sehr grobem, losen und teilweise ausgewaschenen Schotter. Auf mich alleine gestellt, ist mir das mit der voll bepackten GS zu heikel, sodass ich erneut umkehren muss.

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Mein heutiges Highlight ist die Bucht von Kotor, die wie ein Fjord in die Felsen eingeschnitten eine sensationelle Kulisse abgibt. Muss ich da noch erwähnen, dass es dort auch kein Mangel an Kurven herrscht? Besonders beim Aufstieg von Kotor aus komme ich wieder voll auf meine Kosten. Enge Serpentinen ohne Ende und ein Blick in die Bucht, der nach jeder Kehre imposanter wird. Zur Vervollständigung des Postkartenidylls liegt auch noch ein Kreuzfahrtschiff mitten im Fjord.

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Auf dem Weg zum Njegoš Mausoleum auf dem Lovćen komm ich dann doch noch zu unerwarteten Offroad-Freuden. Ich biege von der Asphaltstrasse ab in einen ausgeschilderten Mountainbike Weg, und da weit und breit kein Fahrverbotsschild zu sehen ist, lasse ich es auf einen Versuch ankommen und werde nicht enttäuscht. Der Weg ist sehr grob aber durchaus fahrbar.

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Das letzte Stück zum Mausoleum ist wieder asphaltiert, doch die allerletzten 300 Meter sind schneebedeckt und eine Rutschpartie auf nassem Firn muss ich mir heute nicht mehr antun.

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Über Cetinje geht es auf gut ausgebauten Strassen wieder in Richtung Adria. Doch scheinbar sind mir die Strassenverhältnisse zuu gut, denn aus unerfindlichen Gründen biege ich auf eine sehr enge, kurvenreiche Abkürzung ab, die sich im Nachhinein als beinahe einstündiger Umweg erweist.

Müde und abgekämpft freue ich mich, als ich endlich wieder die Hauptstrasse erreiche und die letzten Kehren nach Budva hinunter fahre. Ich bin wieder auf bekanntem Terrain, denn hier war ich schon 2013 auf dem Rückweg von meiner TOUROPE.

Die letzten Kilometer bis Petrovac cruise ich gemütlich in der Abendsonne und freue mich auf zwei Nächte in einem tollen Hotel und Bezingespräche beim Abendessen mit Farid.

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Fortsetzung folgt …