Samstag, 29. August 2015

“Hast du noch ein bisschen Platz in einem Koffer?”, fragt mich Andi und hält mir eine Plastiktüte mit 1l Motoröl und einer grossen Dose Kettenspray entgegen. Natürlich hab ich den. Schliesslich fahre ich eine R 1200 GS Reiseenduro und kein nacktes Monster, auf dem man gerade eben noch einen 40l Packsack festschnallen kann. Als ungleiches Paar machen wir uns auf den Weg um den Dritten im Bunde abzuholen. Remo braucht für seine Moto Guzzi Stelvio kein Kettenspray und Stauraumprobleme sind ihm auch fremd. Also kann es los gehen.

Eine Woche französische Alpen liegt vor uns. Das heisst unendlicher Kurvenspass und grandiose Landschaften. Doch zunächst müssen wir über die stark befahrene Autobahn bis Martigny, um dann auf den eher kleinen Pässen Forclaz und  Montets die ersten Kurven in Richtung Chamonix geniessen zu können.

Nach zwei vergeblichen Versuchen auf traditionellem Weg ein Hotel zu finden, buche ich eine Unterkunft mit der booking.com App. Das geht wesentlich schneller und die gesparte Zeite investieren wir ins Kurvenfahren in Richtung Megève, wo uns ein gemütliches Hotel mit einer tollen Aussicht und einem sehr leckeren Abendessen erwartet.


Sonntag, 30. August 2015

Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es los zum wunderschönen Cormet de Roseland auf die Route des Grandes Alpes, wo wir uns auf der Sonnenterasse einer Hütte mit Postkartenpanorama einen Kaffee schmecken lassen.

So schön es hier auch sein mag, wir wollen Kurven fahren und haben noch einiges vor heute. Also peitschen wir unsere Pferdchen weiter nach Bourg-Saint-Maurice, von wo aus es dann zum nächsten Highlight des Tages, dem Col de l’Isèran geht.

Kurz vor Val d’Isère möchte Remos Stelvio nicht mehr weiter. Er wird versuchen im Notprogramm zurück in die Schweiz zu kommen. Andi und ich fahren weiter, doch bei einer Pause auf dem Anstieg zum Isèran, sehen wir, dass der Ölkühler des Monsters an einer Seite nur noch am Stahlflexschlauch hängt. Die Aufhängung ist gebrochen. Doch dieses Problemchen ist schnell mit ein paar dicken Kabelbindern aus meinem Tankrucksack gelöst, und wir können weiter zu einem der höchsten Strassenpässe der Alpen.

Der nächste Pass auf der Route ist der Col du Télégraph, den ich in keiner besonders guten Erinnerung habe. Serpentinen im Wald, viel Verkehr und kaum Gelegenheit zum Überholen. Prinzipiell ist es heute wieder so, allerdings schaffen wir es auf wundersame Weise, genau die zehn Minuten zu erwischen auf denen wir bergauf die Strecke für uns alleine haben. Genial. Mit einem grossen Grinsen in unseren Gesichtern geht es weiter zum Col du Galibier.

Col du Galibier

In Briançon ist mein Stammhotel Edelweiss schon gebucht und nach einer erholsamen Dusche können wir uns in der Cite de Vauban auf die Suche nach einem Restaurant machen.


Montag, 31. August 2015

Ich freue mich schon diebisch darauf, dass der heutige Tag schon mit einer Sensation beginnen wird. Die Nordrampe des Col de l’Izoard. Wir haben den Pass für uns alleine und für Andi gibt es kein Halten mehr. Er hat über 20 Jahre mehr Motorrad-Erfahrung als ich und so unternehme ich erst gar nicht den Versuch, ihm auf den perfekt ausgebauten Kehren am Hinterrad zu bleiben. Doch damit nicht genug. Oben angekommen geniessen wir die unwirklich scheinende Mondlandschaft des Izoard, und Andi fährt noch eine Extra-Runde, damit ich ein paar Action-Fotos von ihm schiessen kann.

Andi auf seinem Monster

Bevor es durch die Guill-Schlucht zum Col de Vars geht, machen wir noch einen Abstecher zum Fort Queyras. Einen Café verkneifen wir uns, schliesslich haben wir noch ein paar hundert Kurven zu fahren :-).

Nach dem Var und ein paar anschliessenden Kilometern im Ubaye-Tal geht es zum Höhepunkt der Tour, dem Col de la Bonnette. Der Pass selbst ist zwar nur 2768m hoch, aber auf der kleinen Schleife, die nachträglich angebaut wurde, kann man auf 2808m über die angeblich höchstgelegene Strasse Euraopas fahren.

Cime de la Bonnette

Die Fahrt durchs beschauliche Tal der Tinée gibt uns die Chance beim gemütlichen Cruisen wieder ein bisschen abzuchillen, bevor wir es dann auf dem Col de Turini nochmal so richtig krachen lassen. Bei einer erfrischenden Cola auf der Passhöhe suche ich auf meinem Handy nach einer Unterkunft in der Umgebung des ca. 20km entfernten Städtchens Sospel. Fehlanzeige. Also mieten wir uns kurz entschlossen auf einem der vier Hotels auf der Passhöhe ein und da es erst vier Uhr ist, wollen wir noch eine kleine Runde drehen. Wir sind beide ziemlich geschafftvon den Kurven und der Hitze hier im Süden.

In einem neuen Kurvenrausch fahren wir also durchs Bévéra Tal nach Sospel und beschliessen dann über kleine Bergstrassen zurück zum Turini zu fahren. Doch unterwegs rächt es sich, dass ich bei Andis letzten Tankstop nicht auch nochmal getankt hab. Die Reservelampe leuchtet, wir sind mitten in der Pampa, wir sind beide k.o., es gibt keine Strasse die länger als 100 m ohne Spitzkehre auskommt und zur nächsten Tankstelle sind es über 10km Luftlinie die falsche Richtung. 🙁

Serpentinenparadies

Zähneknirschend machen wir uns auf den Weg und werden auf dem Rückweg von der Tanke zum Pass nochmal mit einem sensationellen Spitzkehrenparadies belohnt. Völlig abgekämpft erreichen wir das Hotel und beschliessen die Tour mit einem köstlichen Bier.


 

Dienstag, 1. September 2015

Durch die Schluchten der Vesubie und des Var geht es wieder zurück ins Tinée Tal, wo wir in Saint Saveur sur Tinée zum nicht besonders hohen, aber landschaftlich sehr reizvollen Col de la Couillole abbiegen um dann in Beuil wieder durch die sehr enge, rote Gorges du Cians zum Var geht.

Gorges du Cians

In der Altstadt von Entrevaux stärken wir uns mit einem unterirdisch schlechten Mittagessen für die nächste Schlucht, die Gorges de Dalouis. Die Strecke bietet atemberaubende Blicke in eine enge, tiefe Schlucht aus rotem Fels.

Gorges de Dalouis

Während die französischen Alpen für Andi komplettes Neuland sind, bewege ich mich hier fast schon so sicher wie auf emeinen Hausstrecken, doch jetzt kommt mit dem Col de Champs endlich mal wieder ein – auch für mich – neuer Pass. Die Warnungen der Einheimischen waren nicht übertrieben. Die Ostrampe ist ein Traum. Wir arbeiten uns auf einer tollen Strasse hinauf zu den tief hängenden Wolken können ein sensationelles Panorama geniessen.

Col de Champs

Doch die Westrampe hat es in sich. Für mich kein Problem, ich drücke drei mal mit dem linken Daumen auf die Taste mit dem Federbein-Symbol und schon gleite ich wie auf einer Sänfte über die miserable Piste und bei Bodenwellen hebe ich kurz den Hintern aus dem Sattel. Andis Monster hat solche Annehmlichkeiten nicht, also muss er leiden. Er könnte sich ja auch langsam mal ein richtiges Motorrad zulegen.

Aber auch die schlechteste Strasse hat irgendwann ein Ende und so cruisen wir gemütlich durchs obere Verdon Tal von Colmars bis nach Castellane, wo wir die nächsten beiden Nächte verbringen werden.


Mittwoch, 2. September 2015

Zum dritten mal innerhalb von 12 Monaten bin ich an der Verdon Schlucht. Für die gut 130km lange Verdon Runde werden wir den ganzen Tag brauchen, denn es gibt massenweise Aussichtspunkte, an denen sich spektakuläre Aus- und Einblicke bieten.

Zunächst fahren wir zum Parkplatz unterhalb des Point Sublime. Von hier aus laufen wir ein Stück in die Schlucht hinein und schauen uns den Canyon erst einmal von unten an. Danach geht es weiter nach La Palud, wo eine Schleife zur teilweise in die Steilwand des Nordufers hinein gesprengte Panoramastrasse abzweigt.

Gorges du Verdon

Es bieten sich immer wieder sensationelle Panoramen und wir müssen uns zusammenreissen, damit wir nicht alle 200 Meter anhalten und gaffen. Ausserdem wird es langsam mühsam immer wieder Helm und Handschuhe aus- und dann wieder anzuziehen.

Kurz vor Mustiers Saite Marie wechseln wir für ein paar Kilometer von der engen, kurvigen Panoramastrasse auf die rennstreckenmässig ausgebaute D97. Hier gibt es endlich mal wieder eine ordentliche Brise Fahrtwind und beim anschliessenden Aufstieg von Les Salles sur Verdon zur Panoramastrasse am Südufer lassen wir ordentlich Gummi auf der Strasse.

Gorges du Verdon

Als ich dann beim nächsten Fotostop einen Blick auf meinen Hinterreifen werfe, wird es mir ein bisschen mulmig. Der Pneu sieht ziemlich abgefahren aus und ich bezweifle ob der bei meiner Fahrweise bis nach hause durchhalten wird. Schweren Herzens schalte ich den Fahrmodus von DYNA auf ROAD zurück. Im Road Modus greift die Traktionskontrolle früher ein und vermindert damit den Spass beim Fahren, aber auch den Verschleiss am Hinterrad.

Trotz Road Modus ist der Rückweg nach Castellane alles andere als langweilig. Die Verdon Schlucht ist Paradies (nicht nur) für Motorradfahrer, und ich freue mich schon auf’s nächste mal.

Gorges du Verdon


 

Donnerstag, 3. September 2015

Die erste Etappe heute ist Neuland für mich. Nach den hohen Pässen der Vortage und der Verdon Schlucht gestern geht es zunächst unspektakulär aber dennoch kurvenreich in Richtung Digne les Bains und von dort weiter zur Rennstrecke am Lac de Serre Ponçon. Doch vorher entdecken wir noch eine schmale Klamm namens Clue de Barles.

Clue de Barles

Auf die Renn- folgt eine lange Durststrecke. Wir müssen durch Gap, aber davor und danach gibt es keine Kurven, dafür aber viel Verkehr und viele Blitzkästen. Als würde das nicht schon reichen, fängt sich Andi noch einen Asphaltbrocken in der Kette ein. Mit Hilfe von Schraubenzieher, Kettenspray und Kabelbinder aus dem Ducati Support Vehicle bekommen wir aber auch das wieder in den Griff.

Monster Kette

Auf dem Col de Grimone gibt es dann endlich wieder Fahrspass, der uns die langweilige Durststrecke vergessen lässt. Wir haben den kleinen Pass für uns alleine und geniessen die Kurven, das Panorama und die anschliessende Schlucht in vollen Zügen bevor unser Hotel im pittoresken Städtchen Die erreichen.

Col de Grimone


Freitag, 4. September 2015

Der Tag beginnt mit dem Col de Rousset, der eigentlich kein Pass ist. Es ist eher eine Rennstrecke, die das Drôme Tal mit dem Vercors Hochland verbindet. Oben geht es dann auf leeren Strassen sehr zügig weiter und so übersehe ich den Abzweig zum Combe Laval, einer der spektakulärsten Routen, die ich kenne. Also geht es nochmal zurück, denn diese atemberaubende Strecke kann ich Andi unmöglich vorenthalten.

Combe Laval

Über das malerisch in einer Schlucht gelegene Dorf Pont en Royans geht es weiter nach Grenoble, von wo aus wir bis Albertville die Autobahn nehmen.

Pont en Royans

Hinter Albertville nimmt der Verkehr stark zu, die Kurven werden weniger und auch die grandiosen Panoramen haben wir hinter uns. Schliesslich landen wir im ausgestorbenen Wintersportort Les Saisies wieder dort, wo wir am vergangenen Sonntag schon mal waren.


Morgen werden sich unsere Wege sich trennen. Es soll regnerisch und kalt werden. Weil ich nicht mit einem abgefahrenen Hinterreifen im Schneeregen über den kleinen und grossen St. Bernhard fahren will, werde ich die einfachere Route über Chamonix nach Martigny nehmen und von dort aus auf der Autobahn nach hause fahren. Andi wird die beiden St. Bernhards noch mitnehmen und dann eventuell noch über Furka- und Oberalppass oder durchs Berner Oberland fahren.

Uns beiden bleibt eine unvergessliche Tour mit Kurven ohne Ende in Erinnerung und wir freuen uns schon jetzt auf Frankreich im Frühjahr 2016.